Neue Werkstoffe im Fahrradbau

Von Andrea Reidl

Fahrradrahmen aus Carbon und Aluminium waren gestern. Eine wachsende Zahl von Bike-Designern experimentiert mit nachwachsenden Rohstoffen. Vor allem Bambus erweist sich als geeigneter Werkstoff - doch auch Hanf kommt zum Einsatz. Craig Calfee gilt als der Zenmeister unter den Bambusbike-Bauer. An der Küste Kaliforniens, nur hundert Meter vom tosenden Pazifik entfernt, baut der Rahmendesigner in seiner Edelschmiede atemberaubend schöne Räder aus dem schnell wachsenden Süßgras. Lange war Calfee der Einzige, der Pflanzen in Zweiräder verwandelte - jetzt bekommt der Amerikaner Konkurrenz.

Zurzeit entwerfen weltweit mehrere Experten Fahrräder aus nachwachsenden Rohstoffen. Unter ihnen sind der Designer Bruno Mares aus der Slowakei sowie Nick Frey, Radsportprofi aus Kalifornien. Auch der deutsche Ingenieur Nicolas Meyer arbeitet an dem Thema, setzt allerdings nicht auf Bambus. Er kreierte ein Triathlonrad aus Hanf. Sie alle sind allerdings Neulinge, Calfee dagegen ist schon ein alter Hase. Mitte der neunziger Jahre suchte der Rahmendesigner für eine Fahrradmesse einen Hingucker. Er wollte mehr als eine schöne Idee. Er wollte, dass das Publikum an seinem Stand steht und staunt. Calfees Hund brachte den Kalifornier auf die zündende Idee. Beim Toben hatte sich der Pitbull-Labrador-Retriever-Mischling in einen Bambusstock verbissen.

Als der Hund ihn freigab und Calfee den Stab in den Händen drehte, war er überrascht: Der Stock war völlig unversehrt. Was für ein Material. Die ersten hundert Rahmen waren Ausschuss Der Rahmendesigner war elektrisiert. Er hatte gefunden, wonach er suchte. Das Messebike sollte einen Bambusrahmen bekommen. Das schnell wachsende Gras ist auf fast allen Kontinenten der Erde heimisch, auch in Nordamerika. Für sein erstes Rad verwendete Calfee kalifornischen Bambus.

Der Rahmen geriet etwas zu flexibel, aber das Vorführmodell erfüllte seinen Zweck: Es erwies sich als ein Zuschauermagnet. Nach der Messe verschwand Calfee in seiner Werkstatt und begann, mit Bambus zu experimentieren. Denn so umweltfreundlich und hart das Material auch ist, es hatte seine Macken. Sein größter Nachteil: Es splittert mitunter. Calfee räucherte die Rohre und bearbeitete sie mit Hitze. Heute dauert der Arbeitsprozess der absolviert werden muss, bis er die Rohre verwenden kann, vier Monate. Um die Teile zu verbinden, bestrich Calfee Hanffasern mit Epoxidharz und umwickelte damit die Rohrenden. Hundert Rahmen später war es so weit. Calfee hatte einen Bambusrahmen erschaffen, der ihn überzeugte. Sein Urteil: "Die Vibrationsdämpfung ist beim Bambusrad besser als bei Carbonfasern. Es fährt sich viel geschmeidiger."

Außerdem sei die Bruchfestigkeit der Bambusrahmens beeindruckend. "Wir haben unseren Rahmen in Deutschland bei der EFBe-Prüftechnik testen lassen", sagt Calfee. Dazu wurde der Rahmen langsam mit einem Prüfgewicht von 950 Kilo belastet und wieder entlastet. Das geschieht 100.000-mal. Das Ergebnis: weder Risse noch Bruchstellen. Die aufwendige Fertigung hat ihren Preis. Ein Mountainbike-Rahmen aus Bambus kostet bei Calfee knapp 2700 Dollar. Räder für Entwicklungsländer Mittlerweile hat Calfee diverse Preise für seine Bambusräder gewonnen. Unter anderem einen für das "Bicycle with the lowest carbon footprint". Zunächst schien das Bambusrad eher etwas für betuchte Kalifornier mit Ökoflitz zu sein. Nun hat Calfee für seine Räder aber noch ein ganz anderes Einsatzgebiet entdeckt: Afrika. "Fahrräder sind in Entwicklungsländern enorm wichtig, um Waren zu transportieren oder um damit zur Schule und zum Markt zu fahren", sagt er. Der Vorteil von Bambusrädern: Die benötigten Rohstoffe wachsen vor Ort.

Quelle: Spiegel.de